Seit Jahrtausenden weiß die Menschheit um die besonderen Wirkungen der Cannabispflanze. Was jedoch genau darin wirkt – also das Wissen über die eigentlichen Wirkstoffe – ist noch keine hundert Jahre alt.
Das antipsychotisch wirkende Cannabinoid Cannabidiol (CBD) wurde in den 1940er-Jahren entdeckt – rund zwanzig Jahre, bevor das heute weltberühmte Δ9-Tetrahydrocannabinol (THC) erstmals isoliert wurde. Das psychoaktive THC ist für einen Großteil der Effekte verantwortlich, die man üblicherweise mit Cannabis verbindet.
Anfangs wusste man also nur, dass „irgendetwas“ in der Cannabispflanze wirkt.
Dann erkannte man, was wirkt – doch die entscheidende Frage, warum Cannabis überhaupt solche vielfältigen Effekte im menschlichen Körper entfalten kann, wurde erst 1988 beantwortet: durch die Entdeckung des körpereigenen Cannabinoidsystems, das auch Endocannabinoid-System genannt wird.
Was ist das ECS?
Das Endocannabinoid-System (ECS) ist ein im gesamten menschlichen Körper verbreitetes Signal- und Kontrollsystem, das unter anderem die Ausschüttung wichtiger Neurotransmitter wie Dopamin, GABA und Endorphine reguliert [1]. Es ist essenziell für die Aufrechterhaltung der Homöostase – also des Gleichgewichts physischer und psychischer Funktionen als Grundvoraussetzung für Gesundheit [1].
Heute wissen wir, dass das ECS evolutionär tief in uns verankert ist und eine zentrale Rolle in der Entwicklung des zentralen Nervensystems des Menschen spielt [1]. Es ist im ganzen Körper verteilt und beeinflusst grundlegende Funktionen wie Schlaf, Stimmung, Appetit und Schmerzempfinden. Zusätzlich steuert es Entzündungen, kognitive Prozesse, Motivation, Gedächtnis, Verdauung, den Schutz von Nervenzellen (Neuroprotektion) und das Immunsystem [2–4].
Aufbau des Endocannabinoid-Systems
Das ECS besteht aus:
  • den Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2
  • den körpereigenen Cannabinoiden („Endocannabinoiden“) wie Anandamid (AEA) und 2-Arachidonoylglycerol (2-AG)
  • Enzymen, die für die Bildung und den Abbau dieser Substanzen verantwortlich sind
Bedeutung und mögliche Störungen des ECS
Die große Bedeutung des ECS zeigt sich auch an den zahlreichen potenziellen Folgen einer Störung dieses Systems.
Ein Mangel an körpereigenen Cannabinoiden – der sogenannte klinische Endocannabinoid-Mangel – wird seit vielen Jahren als mögliche Ursache verschiedener Krankheiten diskutiert [5]. Neuere Forschungsergebnisse legen nahe, dass ein solcher Mangel insbesondere bei folgenden Erkrankungen eine Rolle spielen könnte:
  • chronische Schmerzen
  • Migräne
  • Reizdarmsyndrom
  • Depressionen
  • Angststörungen
  • posttraumatische Belastungsstörungen
  • Autismus
  • Schizophrenie
  • Fibromyalgie [6–9]
Cannabis und körpereigene Cannabinoide
Eine mögliche Erklärung für die therapeutischen Effekte pflanzlicher Cannabinoide besteht darin, dass sowohl THC als auch CBD bei einem gestörten Endocannabinoid-System (ECS) ausgleichende Funktionen übernehmen können.
  • THC bindet – wie das körpereigene Cannabinoid Anandamid – an den Cannabinoid-Rezeptor CB1.
  • CBD kann den Endocannabinoidspiegel auf natürliche Weise erhöhen, indem es die körpereigene Produktion von Anandamid unterstützt [10].
Natürliche Wege zur Aktivierung des ECS
Es existieren auch nicht-pharmakologische Methoden, um die Endocannabinoid-Spiegel zu erhöhen.
Moderate körperliche Aktivität kann beispielsweise bei Frauen mit schweren Depressionen die Serumspiegel von Endocannabinoiden anheben [11].
Auch nach einer Elektrokrampftherapie wurde ein Anstieg körpereigener Cannabinoide beobachtet [11].
Diese Erkenntnisse zeigen, wie zentral das ECS für die Gesundheit ist – und wie eng unser Körper mit Cannabinoiden verbunden ist. Sie verdeutlichen, dass Cannabis nichts „Fremdes“ ist: Unser Körper produziert kontinuierlich Cannabinoide, die an körpereigene Rezeptoren binden.
Wenn also jemand sagt: „Mit Cannabis habe ich nichts zu tun“, dann irrt er sich. Denn jeder Mensch braucht Cannabinoide. Wir alle besitzen sie – ganz legal, von Natur aus, zum Eigenbedarf.
Disclaimer:
Die aufgeführten Informationen dienen ausschließlich der allgemeinen Aufklärung und ersetzen keine ärztliche Beratung. Potenzielle Anwendungsgebiete und Wirkmechanismen von Cannabis, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen, stellen kein Wirk- oder Heilversprechen dar. Sie sind keinesfalls als Aufforderung zur Einnahme von Cannabis ohne ärztliche Begleitung zu verstehen. Der therapeutische Einsatz von Cannabis erfordert stets eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen und sollte immer auf individueller ärztlicher Entscheidung beruhen.
Quellen:
[1] Lowe H, Toyang N, Steele B, Bryant J, Ngwa W. The Endocannabinoid System: A Potential Target for the Treatment of Various Diseases. Int J Mol Sci. 2021 Aug 31;22(17):9472. doi:10.3390/ijms22179472.
[2] Stampanoni Bassi M, Gilio L, Maffei P, Dolcetti E, Bruno A, Buttari F, Centonze D, Iezzi E. Exploiting the Multifaceted Effects of Cannabinoids on Mood to Boost Their Therapeutic Use Against Anxiety and Depression. Front Mol Neurosci. 2018 Nov 20;11:424. doi:10.3389/fnmol.2018.00424.
[3] Wu J. Cannabis, cannabinoid receptors, and endocannabinoid system: yesterday, today, and tomorrow. Acta Pharmacol Sin. 2019 Mar;40(3):297-299. doi:10.1038/s41401-019-0210-3.
[4] Preteroti M, Wilson ET, Eidelman DH, Baglole CJ. Modulation of pulmonary immune function by inhaled cannabis products and consequences for lung disease. Respir Res. 2023 Mar 28;24(1):95.
[5] Smith SC, Wagner MS. Clinical endocannabinoid deficiency (CECD) revisited: can this concept explain the therapeutic benefits of cannabis in migraine, fibromyalgia, irritable bowel syndrome and other treatment-resistant conditions? Neuroendocrinol Lett. 2014;35(3):198-201.
[6] Russo EB. Clinical Endocannabinoid Deficiency Reconsidered: Current Research Supports the Theory in Migraine, Fibromyalgia, Irritable Bowel, and Other Treatment-Resistant Syndromes. Cannabis Cannabinoid Res. 2016 Jul 1;1(1):154-165. doi:10.1089/can.2016.0009.
[7] Aran A, Eylon M, Harel M, Polianski L, Nemirovski A, Tepper S et al. Lower circulating endocannabinoid levels in children with autism spectrum disorder. Mol Autism. 2019;10:1-11.
[8] Giuffrida A, Leweke FM, Gerth CW, Schreiber D, Koethe D, Faulhaber J, Klosterkötter J, Piomelli D. Cerebrospinal anandamide levels are elevated in acute schizophrenia and are inversely correlated with psychotic symptoms. Neuropsychopharmacology. 2004 Nov;29(11):2108-2114. doi:10.1038/sj.npp.1300558.
[9] Bourke SL, Schlag AK, O'Sullivan SE, Nutt DJ, Finn DP. Cannabinoids and the endocannabinoid system in fibromyalgia: A review of preclinical and clinical research. Pharmacol Ther. 2022 Dec;240:108216. doi:10.1016/j.pharmthera.2022.108216.
[10] Di Marzo V. Targeting the endocannabinoid system: to enhance or reduce? Nat Rev Drug Discov. 2008 May;7(5):438-455. doi:10.1038/nrd2553.
[11] Scherma M, Muntoni AL, Riedel G, Fratta W, Fadda P. Cannabinoids and their therapeutic applications in mental disorders. Dialogues Clin Neurosci. 2020 Sep;22(3):271-279. doi:10.31887/DCNS.2020.22.3/pfadda.
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